6 Alarmsignale dafür, dass dir Gaslighting widerfährt.

Was ist Gaslighting?

Gaslighting ist eine Form von mentalem oder emotionalem Missbrauch, bei der eine Person eine andere Person manipuliert und taktisch beeinflusst, um die Wahrheit zu verdrehen und das Opfer selbst zum Zweifeln zu bringen. Man kann Gaslighting deshalb auch als psychologische Gehirnwäsche bezeichnen. Gaslighting kann in unterschiedlichsten zwischenmenschlichen Beziehungen auftreten, egal ob diese freundschaftlicher, beruflicher oder romantischer Natur sind.

Es ist oft unauffälliger und schwerer erkennbar im Vergleich zu anderen Arten von Missbrauch, doch laut Psychoanalytikerin und Mitbegründerin des Yale Center for Emotional Intelligence Robin Stern, die das Buch “The Gaslight Effect: How to Spot and Survive the Hidden Manipulation Others Use to Control Your Life” verfasst hat, ist Gaslighting nicht weniger schwerwiegend. Sie sagt, dass Gaslighting von einer geliebten Person dazu führen kann, dass man sich permanent minderwertig, schlecht und verrückt fühlt.

Was macht Gaslighting so schädlich?

Wenn man herausfindet, dass jemand einen angelogen hat, ist das zunächst kurzfristig verletzend. Laut Stern führt die Frage, warum man von einem geliebten Menschen belogen wird, dazu, dass man sich selbst und die Beziehung zu dieser Person hinterfragt.

Langfristig können die Auswirkungen von Gaslighting aber verheerend sein, da der Selbstwert und das Selbstbewusstsein der betroffenen Person nachhaltig geschädigt werden können. Als Folge kann die Beziehung entweder in einem Knall zerbrechen oder in dieser ungesunden Dynamik viel zu lange bestehen bleiben.

Mit der Zeit können sich auch unvorteilhafte Mechanismen bewähren. Eine betroffene Person kann sich beispielsweise angewöhnen, der Wahrnehmung anderer Menschen mehr zu vertrauen, als der eigenen. Zahlreiche psychische Dispositionen können daraus erwachsen – Hilflosigkeit, Gedächtnisprobleme, Depressionen, Ängste, Gehirnnebel, Entscheidungsunfähigkeit oder PTBS. Auch ein Beenden der Beziehung kann gegebenenfalls schon zu spät sein.

Wie läuft Gaslighting ab?

Gaslighting ist in der Regel ein schleichender Prozess, da ein Opfer andernfalls die Flucht ergreifen würde. Die langsame Entwicklung unterstützt die Verwirrung der betroffenen Person. Tatsächlich beginnen viele Beziehungen, in denen Gaslighting stattfindet, wie eine märchenhafte Romanze. Ein lehrreiches Buch zu diesem Thema ist “Gaslighting: Recognize Manipulative and Emotionally Abusive People – and Break Free” von Psychotherapeutin Stephanie Sarkis.

Laut Sarkis wird man von Menschen, die Gaslighting betreiben, zunächst mit Aufmerksamkeit, Zuneigung und Geschenken bombardiert, da sie auf diesem Wege Vertrauen und Kontrolle gewinnen wollen. Hat erstmal eine intime Beziehung begonnen, werden Kritik und Angriffe nach und nach Überhand nehmen. Ein Warnzeichen ist, wenn eine Person schon beim ersten Treffen viele persönliche Fragen stellt und Liebesbekundungen von sich gibt.

In einer Beziehung gibt es schließlich drei Hauptphasen, die ein Opfer von Gaslighting durchläuft.

1. Unglaube. Die ersten Male, bei denen es zu einem Realitätskonflikt kommt, wirst du von deiner Wahrnehmung überzeugt sein und der anderen Person sagen, dass sie sich täuscht.

2. Verteidigung. Je mehr du von jemandem unter Druck gesetzt wirst, desto mehr wirst du an dieser Person zweifeln, doch gleichzeitig wird in dir das Bedürfnis wachsen, dich selbst zu verteidigen. Du wirst versuchen, rationale Argumente vorzutragen, um dem Gegenüber beweisen zu können, dass du Recht hast. Dennoch wirst du fair bleiben und versuchen, dich in die andere Person hineinzuversetzen.

3. Depression. Mit der Zeit wirst du immer mehr glauben, insbesondere wenn sich die Kritik auf Dinge beziehen, die bei dir angstbehaftet sind. Je mehr Unsicherheit die andere Person in dir auslöst, desto mehr wirst du an deiner Wahrnehmung zweifeln und stattdessen auf die andere Person hören. Irgendwann gelangst du an einen Punkt, an dem es dir völlig an Selbstvertrauen fehlt.

Das Ziel hinter Gaslighting ist, eine Person durch ihre Zweifel und Unsicherheit von einem abhängig zu machen, sodass man sie kontrollieren kann.

Beispiele für Gaslighting

Einzelne Beispiele von Gaslighting sind vor allem von innen unheimlich schwer auszumachen, da so eine trügerische Natur dahinter steckt. Laut Sarkis ist es eine Form von Zwangskontrolle und Manipulation. Der ganze Vorgang kann so unterschwellig sein, dass es einer betroffenen Person nicht einmal auffällt. Es gehört zu Gaslighting, dass das Opfer davon abgehalten wird, den Täter zu hinterfragen und es stattdessen davon zu überzeugen, dass die eigenen Empfindungen und Erfahrungen falsch sind.

Im Folgenden findest du häufige Beispiele und Sätze, mit deren Hilfe du Gaslighting besser erkennen und verstehen kannst.

Das Beispiel, mit dem alles anfing

Das Phänomen gibt es mit Sicherheit schon viel länger, doch der Begriff “Gaslighting” wurde durch den Film “Gaslight” aus dem Jahre 1944 geprägt. In dem Film lässt ein Mann seine Frau glauben, sie würde den Verstand verlieren, um einen Mord zu vertuschen und Juwelen zu stehlen. Er verändert ganz unauffällig Kleinigkeiten in ihrem Umfeld, so wechselt er zum Beispiel das Gaslicht. Im Anschluss leugnet er immer seine Eingriffe, um seine Frau davon zu überzeugen, dass sie den Verstand verliert und das Haus besser nicht verlassen sollte. Besonders die Manipulation des Lichtes blieb den Zuschauern im Gedächtnis, sodass der Begriff heutzutage Kanon ist.

“Außer mir wird dich niemand lieben”: Gaslighting als gezielte Isolation

Häuslicher Missbrauch und Gaslighting äußert sich oft darin, dass der Täter die andere Person von Familie und Freunden abschottet. Die Manipulation der Realität nach den eigenen Bedürfnissen wird oft von Angehörigen der betroffenen Person behindert. Deshalb versucht der Täter oft, die Realität so zu verbiegen, dass sich sein Opfer von Vertrauten isoliert.

Ein Beispiel von Stern ist ein Mann, der seiner Partnerin untersagte, sich mit ihren Freundinnen zu treffen, da diese ihn angeblich hassten und über ihn lästerten. Er löschte sogar heimlich Nachrichten der Freunde von ihrem Handy, bevor sie sie las, um sie davon zu überzeugen, dass sich ihre Freunde nicht wirklich für sie interessierten und er der einzige sei, der viel für sie übrig hat.

Die Absicht einer solchen Person ist nicht nur, die wichtigste, sondern die einzige Bezugsperson für den Partner zu sein. Oft ist dieses Verlangen mit einer Doppelmoral verbunden, da sie selbst oft viele weitere Beziehungen aufrecht pflegen.

“Ich habe das nur aus Liebe zu dir gemacht”: Gaslighting als ein Ausdruck von Liebe

Manche Leute glauben, dass die Manipulation der anderen Person, nur zu ihrem Besten geschieht und die Handlungen ein Akt der Liebe ist. Sie sind davon überzeugt, dass sie besser wissen, was gut für die geliebte Person ist.

Eine Frau bewarb sich einmal für einen Job, der von großer Bedeutung war. Als das Bewerbungsverfahren schon weit fortgeschritten war, meldete sich die Firma schließlich nicht mehr bei ihr und reagierte nicht auf ihre Kontaktaufnahme. Ihr Mann erklärte die Situation damit, dass sie nicht für diesen Posten geeignet, geschweige denn qualifiziert war, weshalb das Vorstellungsgespräch nicht überzeugend gewesen war.

Einige Wochen später erkundigte sie sich bei dem zuständigen Angestellten, warum sie so plötzlich nicht mehr berücksichtigt wurde. Dieser teilte ihr mit, dass ihr Mann angerufen und ihnen mitgeteilt hatte, dass seine Frau kein Interesse mehr an der Stelle habe und sie deshalb nicht mehr zur Verfügung stehe. Als sie ihren Mann mit dieser Information zur Rede stellte, entgegnete er, dass er wisse, dass es das Beste für sie sei, zu Hause zu bleiben und nicht zu arbeiten.

In einer solchen Situation muss man sich fragen, ob ein geliebter Mensch wirklich besser weiß, was gut für einen ist. Wenn man diese Frage mit “Ja” beantwortet, läuft man Gefahr, keine Entscheidungen mehr zu treffen und die Kontrolle über sich selbst abzugeben.

“Du hast gerade eben gegessen, du bist nicht hungrig”: Gaslighting als Erziehungstaktik

Dr. Stern betont, dass Eltern oft die Realität ihrer Kinder beeinflussen, um sie zu Gehorsam zu bewegen. Es wirkt harmlos, doch es kann zu negativen Folgen kommen. Als Beispiel führt sie einen Vater an, der mit einem kleinen jungen in einem Park spielte. Der Vater wies seinen Sohn an, nicht wegzulaufen. Als dieser es doch tat, fiel er hin und verletzte sich. Der Vater tröstete sein weinendes Kind aber nicht, sondern schrie es an und machte es für die Situation verantwortlich, als ob es eine absichtliche Tat war.

Somit lernte der Junge nicht die Lektion, dass er ungehorsam war und sich deshalb weh tat, sondern der Vater brachte ihm bei, dass sein Gefühl des Schmerzes falsch war und etwas falsch mit ihm ist.

“Ich betrüge dich nicht, du bist doch paranoid”: Gaslighting als Mittel, um Schuld abzuwehren

Ein üblicher Grund für Gaslighting ist, dass der Täter durch die Manipulation der Realität ein eigentlich bei ihm liegendes Problem auf sein Opfer übertragen kann. Ein häufiges Beispiel dafür ist Untreue. Laut Stern sagen Männer oft zu ihrer Partnerin, dass sie zu empfindlich oder sogar eifersüchtig sei, wenn sie eine enge Beziehung mit einer anderen Frau hinterfragt. Sollte in der Folge eine Affäre auffliegen, könnte die Verteidigungsstrategie so aussehen, dass der Frau vorgeworfen wird, dass sie zu verklemmt und zu wenig sexuell aktiv sei.

Schon geht es nicht mehr um das eigentliche Problem, sondern darum, welche Fehler das Opfer hat. Auf diesem Weg soll es sich selbst als schuldig sehen, statt den Täter dafür verantwortlich zu machen.

“Du hast mich dazu gebracht”: Gaslighting als Strafe

Die häufigsten Arten, um Opfer per Gaslighting zu bestrafen und die Kontrolle zu erlangen, sind ausgeprägte Wutanfälle oder systematisches Schweigen.

Ein Beispiel ist die Geschichte einer Frau, die mit ihrer Familie Urlaub in Mexiko machte. In der ersten Nacht entbrannte ein Streit zwischen ihr und ihrem Mann darüber, wo das Baby schlafen sollte. Ihr Partner wurde so zornig, dass er das Hotelzimmer verließ und erst am nächsten Morgen zurückkam. Den Kindern gegenüber verhielt er sich so, als sei nichts gewesen, doch seine Frau ignorierte er konsequent und sprach eine ganze Woche lang nicht mit ihr. Ihre Verzweiflung und ihr Verlangen danach, nicht mehr ignoriert zu werden, wurden so groß, dass sie sich für alles entschuldigte und um Vergebung bat.

Systematisches Schweigen ist laut Stephanie Sarkis die ultimative Form von Gaslighting, da es die Realität deiner Existenz leugnet.

“Du bist zu empfindlich”: Gaslighting als Narzissmus

Manche Menschen eignen sich die Verhaltensweisen von Gaslighting in der Kindheit an und verwenden diese dissoziale Methoden weiterhin, um ihre Ziele in zwischenmenschlichen Beziehungen zu erreichen. Bei anderen Personen geschieht Gaslighting gezielt, da es ihnen Freude bereitet. Das kann sich auf verschiedene Arten äußern. Eine Möglichkeit ist, dass eine Person in einer Freundschaft permanent Aufmerksamkeit, Bestärkung und Zuwendung benötigt und deshalb Gaslighting nutzt, um das zu bekommen.

Ein Mann erzählte die Geschichte von ihm und seinem besten Freund. Sein Freund habe ihn schon seit seiner Kindheit immer runtergezogen, indem er ihn als hässlich bezeichnete, seine Leistungen klein redete und seine sozialen Kompetenzen kritisierte. Im Studium bemerkte er schließlich, dass nichts davon der Wahrheit entsprach, doch sein Freund wollte ihn das glauben machen, damit er sein bester Freund blieb. Dieses Verhalten wurde tatsächlich durch Eifersucht ausgelöst und sollte ihn sich besser fühlen lassen.

Laut Sarkis sind viele Gaslighter Narzissten. Sie haben ein unstillbares Verlangen nach Aufmerksamkeit, das nicht einmal dann befriedigt werden kann, wenn sie die ungeteilte Liebe, Sorge und Aufmerksamkeit einer Person erlangen. Es wird niemals reichen und sie werden anderen immer das Gefühl geben, nicht gut genug zu sein.

Was du tun solltest, wenn du möglicherweise von Gaslighting betroffen bist

Gaslighting ist deutlich weiter verbreitet, als die meisten denken. Es ist ein Merkmal emotionalen Missbrauchs, dem weltweit 43 Millionen Frauen und 38 Millionen Männer zum Opfer fallen. Meist ist der Täter der Intimpartner.

Um Gaslighting beenden zu können, muss man es zunächst erkennen können. Manche Opfer schaffen das selbst, doch einige benötigen Unterstützung von Familie, Freunden oder einem Therapeuten, der einem hilft, das ganz Konstrukt an Lügen zu entlarven. (Extreme Selbstzweifel können auch ein frühes Zeichen für eine Zwangsstörung sein.)

In erster Linie ist es wichtig, darauf zu achten, wie man sich fühlt, und nicht darauf, was “richtig” ist. Wer im Recht ist, kann auch einmal hinten angestellt werden, wenn die Art und Weise, mit der mit einem kommuniziert wird, nicht in Ordnung ist.

Leider reagieren viele Gaslighter problematisch auf so eine Grenze, denn die Selbstbestimmung des Opfers nimmt ihnen die Kontrolle. Gaslighting lässt sich oft nur durch eine Trennung beenden.

Wenn du die Beziehung beenden willst, musst du vorsichtig sein, denn nicht selten resultiert Gaslighting bei Eskalation in körperlicher Gewalt. Du solltest dich zuvor mit einer nahestehenden Person oder einem Spezialisten besprechen, um möglichst sicher vorgehen zu können. Wenn die Trennung erfolgreich war, musst du den Kontakt vollständig abbrechen, um Versuche, dich zurückzugewinnen, abzublocken.

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